Der vernachlässigte Rücken

Es gibt kaum ein anderes Organ, das so vielfältigen und starken Belastungen ausgesetzt ist wie der Rücken. Nicht umsonst werden Rückenschmerzen auch als Kreuzschmerzen bezeichnet.

 Dr. med. Hans Spring

Dr. med. Hans Spring, ärztlicher Direktor Rehazentrum, Chefarzt Rheuma- und Rehabilitationsklinik und Swiss Olympic Medical Center

VON DR. HANS SPRING

Geht jemand gebückt, heisst es, er habe im Leben schwer zu tragen. Wir wissen alle, das sich alles Erlebte auf unsere Haltung und damit auf unser tragendes Skelett mitsamt seiner Muskulatur auswirkt.
Wollen wir Rückenschmerzen erfolgreich behandeln, dürfen wir uns deshalb längst nicht nur auf das Röntgenbild konzentrieren, sondern wir müssen uns auch um das kümmern, was man auf dem Röntgenbild nicht sieht, die Muskulatur, aber auch um unsere Denkmuster und unsere Gefühle.
Umfangreiche Forschungsarbeiten belegen, dass die Chronifizierung von Rückenschmerzen nicht vom Schweregrad körperlicher Befunde abhängt, und dass die Zunahme invalidisierender Verläufe nicht mit rein medizinischen Ursachen erklärt werden kann.

Sehr oft sind die Schmerzen rein muskulär bedingt
Entgegen einer weit verbreiteten Meinung sind meistens nicht die Bandscheiben oder Abnützungserscheinungen an der Wirbelsäule die Auslöser von Rückenschmerzen, ausser es handelt sich um spezifische Ursachen wie Osteoporose, entzündliche Erkrankungen, Infektionen oder Tumorleiden. Bei drei von vier Patienten sind die Beschwerden muskulär bedingt. Daher ist die klinische Untersuchung viel wichtiger als das Röntgen.

Meistens liegen funktionelle Störungen des Bewegungsapparates, ein Muskelungleichgewicht und Muskelverhärtungen (Triggerpunkte) vor. Die Folgen sind verkürzte und abgeschwächte Muskeln. Sie schränken die Beweglichkeit ein, was von einer anderen Körperregion kompensiert werden muss. Die Folgen sind eine unkoordiniert arbeitende Muskulatur, ungenügende Rückenstabilisierung und chronische Schmerzen

Damit die Schmerzen nicht mehr so stark sind
Obwohl Rückenschmerzen meistens als einschneidendes Erlebnis wahrgenommen werden, ist es wichtig, sie zu entdramatisieren. In den seltensten Fällen sind sie Ausdruck eines schlimmen Leidens. Fehl am Platz sind deshalb Ängstlichkeit, falsche Vorsicht und übertriebene Schonung. Sie führen nur dazu, dass sich in Ihrem Leben alles um die Rückenschmerzen dreht und Sie sich nur noch als Opfer Ihrer Beschwerden erleben. Versuchen Sie trotz Schmerzen möglichst normal zu leben. Lassen Sie sich so wenig wie möglich einschränken und behindern. Dann machen Sie die Erfahrung, dass die Schmerzen nicht mehr so fest wehmachen.

Meistens können chronische Rückenschmerzen nicht auf eine bestimmte Einzelursache, sondern nur auf das Zusammenspiel verschiedener Lebensfaktoren zurückgeführt werden. Dazu passt auch, dass je grösser das medizinische Angebot ist, desto mehr werden die Leistungen auch in Anspruch genommen. Und je ungezielter behandelt wird, desto länger dauert die Arbeitsunfähigkeit.

Bei chronischen Rückenschmerzen ist eine neue, ganzheitliche Sicht notwendig. Dabei ist das Ziel nicht mehr unbedingt die Schmerzfreiheit, sondern eine gute Funktionsfähigkeit der Wirbelsäule und ein möglichst beschwerdearmes, sinnerfülltes Leben. Dazu braucht es eine medizinische Trainingstherapie und oft sogar eine Intensivrehabilitation.

Zur Verbesserung der Kondition muss ein stufenweiser Aufbau von Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer sowie Koordination erfolgen. Ziel ist es, trotz allfälliger Schmerzen möglichst rasch in den normalen Alltag zurückzukehren. Das Vertrauen in den eigenen Körper und die eigenen Fähigkeiten, mit dem Rücken umzugehen, soll gestärkt werden. Je früher solche Programme einsetzen, desto effizienter sind sie.

Bewegen – aber gewusst wie
Schon bei alltäglichen Verrichtungen ist die Wirbelsäule enormen Belastungen ausgesetzt, die bis zu 400 Kilopond betragen können, was einem mehrfachen Autoreifendruck entspricht. Ohne Muskelkraft ist das niemals zu bewältigen, weil die Wirbelsäule ohne muskulären Halt absolut instabil ist. Deshalb ist es auch völlig logisch, dass passive Behandlungen wie Fango und Massagen keine dauerhafte Besserung von Rückenschmerzen bringen können, sondern nur eine zusätzliche aktive Therapie, die Kraft, Beweglichkeit und Ausdauer verbessert und so endlich den Teufelskreis von Schonung, Inaktivität, Konditionsverlust und muskulärer Schwäche durchbricht.
Aber Achtung: Die Rumpfmuskulatur muss richtig trainiert werden. Nicht die Maximalkraft ist wichtig, sondern die optimale Funktion der tiefen Muskulatur, um Rückenschmerzen vermeiden zukönnen. Die tiefen Muskelschichten geben der Wirbelsäule die notwendige Stabilität, indem sie die einzelnen Wirbelkörper untereinander stabilisieren.

Beim Rückentraining steht demnach nicht das Stemmen von möglichst schweren Gewichten im Vordergrund, sondern die Aktivierung der tiefen Muskelgruppen, das Bewegungslernen und die Körperwahrnehmung. Dazu ist die Instruktion durch eine Fachperson unerlässlich.